Die beste Liga der Welt? – Interview mit Jörg Seidel

Wachablösung hin, beste Liga der Welt her – wie gut ist die Bundesliga wirklich? Wir wollten uns bei der Beantwortung dieser Frage nicht von Tagesform und subjektiven Eindrücken täuschen lassen, sondern eine fundierte Antwort finden. Herausgekommen ist dieses Interview mit dem Analysten Jörg Seidel von Goalimpact.com, der uns spannende Einblicke in die europäischen Ligen gibt und erzählt, wie er durch Zahlen überhaupt erst zum Fußball kam. Außerdem liefern wir dem englischen Boulevard endlich den wahren „German Messi“.

Hallo Jörg! Du bist Erfinder des sogenannten Goalimpact – einer Spielerbewertung, hinter der eine Menge Zahlenmaterial steckt. Kannst du dich und dein Projekt kurz vorstellen? Was steckt dahinter?

Hallo Zweierkette! Ich bin Physiker und war früher kaum an Fußball interessiert. Bis 2004 habe ich nur bei einer WM oder EM mal zugeschaut. Dann habe ich bei meiner Arbeit an dem Tippspiel für die EM2004 teilgenommen. Weil ich keine Ahnung hatte, welche Mannschaft wie gut ist, habe ich mir halt ein Modell gebaut – wozu ist man Analyst. Das Modell hatte Griechenland höher bewertet als die Mitspieler und brachte mir den Sieg ein.

Das ganze Turnier habe ich intensiver wahrgenommen als die Turniere zuvor und es hat meine Begeisterung für Fußball geweckt. Das Modell habe ich seit dem immer weiter verbessert, so dass es zum Beispiel nun nicht mehr Mannschaften sondern die Spieler bewertet. Der Schritt von einem Mannschaftsrating zu einem Spielerrating ist riesig. Anfangs war es frustrierend, weil der Algorithmus immer einen mir unbekannten 17jährigen Schalker zu den Topspielern zählte. Ich habe erst aufgehört den Fehler zu suchen, als Özil bei Werder tatsächlich einschlug.

Jetzt verblogge ich meine Resultate und versuche auch Vereine beim Scouting zu unterstützen. Vor eineinhalb Jahren habe ich beispielsweise dem HSV in einem Projekt Lasogga empfohlen. Jetzt freut es mich natürlich besonders, dass er inzwischen tatsächlich dort so gut spielt – auch wenn ich eigentlich Werder-Fan bin.

Im Zuge des deutschen Champions League-Finales wurde viel von Wachablösung im europäischen Fußball geredet. Die Diskussion über die stärkste Liga der Welt ist noch älter. Können uns deine Zahlen da einen Einblick geben? Ist der deutsche Aufwärtstrend messbar und wenn ja, reicht‘s schon zur Vormachtstellung in Europa?

Die Bundesliga hat sich tatsächlich sehr stark entwickelt. Schon seit Jahren und nicht erst mit den Bayern der letzten beiden Jahre. Meine Zahlen zeigen einen konstanten Leistungsanstieg seit 2004.

Heute ist die Bundesliga tatsächlich die stärkste Liga der Welt. Sie muss sich diesen Titel allerdings mit der Premier League teilen, die genauso gut ist. Etwas schwächer, aber nicht viel, ist die Primera Division. Die Serie A fällt schon deutlicher ab, holt aber langsam wieder auf.

Die besten Ligen der Welt

Die Entwicklung der Top-5-Ligen Europas – dargestellt anhand des durchschnittlichen Goalimpacts

„Stärkste Liga der Welt“ ist ein schwammiges Prädikat, das man vielleicht differenzieren müsste. Welche Liga hat die stärkste Spitze, welche die stärkste Breite? Stimmt es z.B. dass in Spanien – übertrieben gesprochen – hinter Barca und Real nur Fallobst kommt, während in der Bundesliga „jeder jeden schlagen“ kann?

Ja. Die Ligen unterscheiden stark in der Leistungsdichte. Die Primera Division ist berüchtigt dafür, dass nach Barca und Madrid erst einmal nichts kommt, dann Atletico und dann nur noch Sparringspartner. Und tatsächlich sehe ich das auch in meinen Werten so. Die Standardabweichung der Mannschaftsmittelwerte ist in Spanien mit Abstand am höchsten. Aber dass in der Bundesliga jeder jeden schlagen kann, das ist auch vorbei. Die Spreizung wie auch die Spielstärke der Bundesliga entspricht jener in der Premier League. Es gibt einige Top-Mannschaften, die die Meisterschaft unter sich ausspielen. Einen Aufsteiger, der Meister wird, werden wir nicht mehr sehen.

Die folgende Tabelle listet die Verteilungen der Mannschaftsstärken auf. Das Maximum aller Mannschafts-Goalimpacts in allen Ligen ist der von Barcelona mit 156,2. Aber die sprichwörtliche Spreizung ist so groß, dass die schwächste Mannschaft – siehe Minimum – ebenfalls in der Primera Division spielt.

Liga Mittelwert StAbw Max Min
Bundesliga 112,8 11,4 149,6 98,1
Premier League 112,4 11,5 135,6 98,2
Primera Division 108,0 15,6 156,2 93,8
Serie A 106,6 9,8 127,7 95,0
Ligue 1 104,3 8,7 127,4 94,1

In der Serie A und Ligue 1 ist das Feld noch ausgeglichener. Aber so wie ich die Zeichen deute, wird das auch nicht langfristig so bleiben.

Wenn man die Ligen im Detail vergleicht: Schlägt sich der Spielstil im Goalimpact nieder? Haben z.B. italienische Verteidiger einen höheren Goalimpact als deutsche? Ist die Offensive in Spanien stärker ausgeprägt als anderswo?

Ein solcher Zusammenhang ist mir bislang nicht aufgefallen. Das ist aber eine gute Idee für einen Blogbeitrag. Ich sollte es mal untersuchen, ob an diversen Vorurteilen etwas dran ist. Englische Torhüter hatte ich letztens mal untersucht und da gibt es tatsächlich nicht besonders viele, die herausragend sind.

Wir haben eine spannende Transferperiode mit voluminösen Wechseln hinter uns. Kann man sagen, welche Liga an Qualität eingebüßt, welche Qualität gewonnen hat?

Das ist schwierig zu bewerten. Die Premier League hat groß eingekauft, vor allem in Spanien. Etwa 17 Spieler sind in diese Richtung gewandert, während nur sieben die Reise nach Süden antraten. Generell hatte die Primera Division viele Abgänge zu verzeichnen. Auch wenn man auf die Qualität schaut, so haben die Spanier am meisten gelitten. Jedenfalls was Transfers innerhalb der Big5 angeht. Während die Premier League die meisten Zugänge verzeichnete, hatten interessanterweise Ligue 1 und Serie A tendenziell hochwertigere Spieler verpflichtet.

Konntest du beobachten, dass z.B. die Bundesliga durch Talentförderung sich sozusagen am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen hat? Kann man Aussagen über die Qualität der Nachwuchsarbeit treffen?

Es zeigt sich auch ganz deutlich, dass die Jungendarbeit heute um Größenordnungen besser ist als vor zehn Jahren. Die jungen Spieler sind alle schon top, wenn sie den Schritt zu den Profis antreten. Das war in den 90ern und frühen 2000ern leider anders. In Deutschland kann die kommende Generation gut eine „goldene“ werden.

Wenn man sieht wie viele junge Talente jetzt schon Champions League spielen, dann kann man schon sagen, dass die Bundesliga sich damit mehr gestärkt hat als durch teure Einkäufe. Draxler, Götze, Hummels, Kroos sind ja fast schon gestandene Spieler. Mit Arnold, Meyer, Kolasinac, Knoche, und, und, und rückt noch unglaublich viel Talent nach.

Apropos Talent: Sowohl Marko Marin als auch Mesut Özil wurden bei ihren Wechseln nach England von der dortigen Presse als „German Messi“ begrüßt. Bei Marin war das fraglich, bei Özil kann man zumindest diskutieren – aber Frage an dich: Haben wir in Deutschland einen Spieler, der auf das Niveau kommen kann?

Oh ja! Mario Götze ist sogar besser als Messi in seinem Alter war. Ich hoffe er bleibt in seiner Karriere ohne größere Verletzung. Dann wird er ein ganz, ganz Großer. Gleiches gilt für Thomas Müller, der nur etwas schlechter ist als Messi in seinem Alter war. Und dann ist da natürlich noch Draxler, bei dem man kaum glauben kann, dass er gerade erst 20 wurde. Er spielt auch fast auf dem Niveau Messis als dieser 20 war. Das heißt natürlich noch nicht, dass sich alle genau so entwickeln wie es Messi tat. Aber die Chance hierzu haben sie, wenn sie genauso am Ball bleiben wie der Weltfußballer.

Der deutsche Messi?

Entwicklung des Goalimpact von Messi und ausgewählten deutschen Spielern nach Alter

Das klingt doch sehr vielversprechend und wird sich hoffentlich auch in weiteren internationalen Titeln niederschlagen. Vielen Dank an Jörg Seidel für die spannenden – und vor allem fundierten – Einblicke!

7 Gedanken zu „Die beste Liga der Welt? – Interview mit Jörg Seidel

    1. Goalimpact

      Stimmt. Die x-Achsen sollten klar sein. Die y-Achsen sind jeweils der Goalimpact, b\w. der minutengewichtete Durchschnitts-Goalimpact im Fall der Ligen. Der Goalimpact misst den Einfluss eines Spielers auf die Tordifferenz seiner Mannschaft. Die Skala ist aehnlich zum Intelligenzquotienten.

      100: Durchschnitt aller Spieler in der Datenbank
      110: Durchschnitt aller Spieler in Bundesliga und Premier League
      120: Sollte man anstreben um Champions League zu spielen
      130: Nationale Klasse
      140: Internationale Klasse
      150+: Weltklasse

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      1. Tery Whenett Artikelautor

        Danke für die Ergänzung. Hab die Bildunterschriften angepasst, hoffe, es kommt jetzt besser rüber.

        Finde es erstaunlich, dass Philipp Lahm die Grenze zur Weltklasse erst mit 27 überschritten hat.

  1. MMM

    Ist das mit Özil echt wahr?

    „Anfangs war es frustrierend, weil der Algorithmus immer einen mir unbekannten 17jährigen Schalker zu den Topspielern zählte.“

    Da es sich ja damals um einen, dem Herrn Seidel noch unbekannten Spieler handelte – mit welchen Daten wurde der Algorithmus denn dann gefüttert?
    Und wieviele Spieler ausser Özil spuckte der Algorithmus noch aus?
    Und wie sieht es heute aus, welche Namen wurden da so „algorithmiert“?

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    1. Tery Whenett Artikelautor

      So weit ich weiß, wird der Algorithmus mit allen verfügbaren Spielen gefüttert. In Deutschland dürfte das meiste abgedeckt sein, inklusive Jugendspiele und Vergangenheit.

      Dementsprechend wurden da noch ein paar andere Spieler ausgespuckt, Özil muss wohl sehr herausgestochen haben. Aber immerhin hat Bremen auch damals 5 Millionen überwiesen, was ich für einen 18ährigen erstaunlich fand.

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