Dank Tuchels Face-Lift: Der BVB rockt die Liga

Borussia Dortmund hat den Übergang von Erfolgstrainer Jürgen Klopp zu seinem Nachfolger Thomas Tuchel geschafft: Nach acht Siegen in acht Pflichtspielen und unter anderem Tabellenplatz eins in der Fußball-Bundesliga ahnt man bereits jetzt, dass Tuchel die Schwarz-Gelben wieder ganz nach oben führen könnte. Die Mannschaft, die noch in der letzten phasenweise im Abstiegskampf gesteckt hatte, ist im Kern zusammengeblieben. Tuchel hat ihr ein Face-Lift verpasst, das den BVB nun wieder zum Spitzenteam macht.

Als am 15. April 2015 Jürgen Klopp seinen Rücktritt als BVB-Trainer ankündigte, war die Aufregung groß. Wie kein anderer steht er für die jüngsten Erfolge des Vereins. In der Ära Klopp schaffte es der BVB nach Jahren des Mittelmaß-Daseins, langsam aber sicher zurück an die Spitze des deutschen Fußballs zurückzukehren. Am Gipfel der Entwicklung standen die Meistertitel 2011 und 2012, der zweite noch gekrönt durch den Pokalsieg, sowie der Einzug ins Champions-League-Finale 2013. Nachdem man in der Saison 2013/14 noch die Vizemeisterschaft einfahren konnte und in der Königsklasse nur knapp gegen den späteren Titelträger Real Madrid ausschied, kam im Folgejahr der Kater. Der BVB landete nach einer äußerst durchwachsenen Saison dank einer starken Rückrunde zwar immerhin noch auf Europapokalplatz sieben. Die angestrebte Qualifikation für die Champions-League wurde aber bei weitem verfehlt. Auch unter dem Eindruck des Krisenjahres hatte sich Klopp letztlich entschlossen, das Kapitel BVB vorerst zu beenden.

Jahr eins nach Klopp: Tuchel kommt, Umbruch bleibt aus

Klopp Meisterfeier Dortmund 2011

Ein Bild aus glücklichen Kloppo-Tagen: Meister 2011 | Quelle: Martin Davidsen [CC BY 2.0] via Wikimedia

Als Nachfolger wurde mit dem Ex-Mainzer Thomas Tuchel der begehrteste Trainer der Liga präsentiert: Neben den Dortmundern hatte sich vor allem der Hamburger SV äußerst intensiv um Tuchel bemüht, auch beim VfB Stuttgart war er im Gespräch. Was nun im Sommertransferfenster passierte, ist keineswegs als Umbruch zu bezeichnen, den nach der Katastrophensaison 14/15 sicherlich viele erwartet hatten. Im Gegenteil: Leistungsträger wie Mats Hummels oder Ilkay Gündogan wurden trotz langanhaltender Wechselgerüchte gehalten, die umworbenen Offensivstars Reus und Aubameyang blieben. Dazu geholt wurden Talente wie Adnan Januzaj von Manchester United oder Julian Weigl von 1860 München, zudem in Gonzalo Castro ein gestandener Bundesligaspieler, der in den letzten Jahren im Trikot von Bayer Leverkusen konstant Top-Leistungen gezeigt hat, sowie in Roman Bürki einer der besten Keeper der vergangenen Bundesliga-Saison.

Abgänge gab es auch: Kapitän Sebastian Kehl beendete seine Karriere, und mit Jakub Blaszczykowski und Kevin Großkreutz verließen zwei weitere Gesichter der Ära Klopp die Dortmunder. Letztere beide hatten zuletzt allerdings auch unter Klopp keine Rolle mehr gespielt. Und so kommt es, dass sich die komplette Startelf des Champions-League-Finales 2013, einmal abgesehen von Großkreutz und Blaszczykowski sowie dem schon vor Jahresfrist zum FC Bayern abgewanderten Robert Lewandowski im Kader des letzten Bundesliga-Spiels gegen Hertha BSC wiederfand.

Quelle: Florian K [CC-BY-SA-3.0] via Wikimedia

Was das Personal anbelangt, hat sich also nicht besonders viel geändert. Doch der BVB kommt so frisch daher, wie man ihn schon lange nicht mehr gesehen hat. Die spektakulären Auftaktsiege gegen Borussia Mönchengladbach (4:0) und den FC Ingolstadt (4:0) sowie der Arbeitssieg gegen die Berliner Hertha (3:1) zeigten, dass sich die Truppe rund um Superstar Marco Reus einiges vorgenommen hat. Die Frage, ob es der BVB in dieser Saison gar mit dem FC Bayern im Kampf um die Meisterschale aufnehmen kann, haben einige Buchmacher schon für sich beantwortet: „Der BVB ist unserer Meinung nach das Team, das den Bayern die Meisterschaft am ehesten streitig machen kann – noch vor dem VfL Wolfsburg“, sagt Jonas Kaufmann von bestewettanbieter.de. Einen ersten Anhaltspunkt, ob diese Saison möglicherweise ein spannender Titelkampf zu erwarten ist, wird das Gipfeltreffen der beiden Top-Teams am 4. Oktober sein.

Owomoyela: „Stil hat sich nicht verändert“

Denn ob Borussia Dortmund wirklich wieder ein Spitzenteam ist, zeigt sich nicht in Spielen gegen Ingolstadt, Hertha oder ein kriselndes Borussia Mönchengladbach, so gut sie auch absolviert wurden. Das meint auch Ex-BVB-Profi Patrick Owomoyela, der zu bedenken gab, dass es für eine grundlegende Analyse des „neuen“ BVB noch zu früh in der Saison sei: „Dafür muss das Ganze erst noch wachsen und sich manifestieren. Es lässt sich zwar eine Handschrift erkennen, aber im Großen und Ganzen hat sich der Stil nicht gravierend verändert“, so der ehemalige Nationalspieler.

By Martin Davidsen (Flickr: Dortmund maj 2011 182) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

Quelle: Martin Davidsen [CC BY 2.0] via Wikimedia Commons

Tuchel sieht sich hier also dem – durchaus naheliegenden – Vorwurf ausgesetzt, die Mannschaft keineswegs neu erfunden zu haben, sondern das Team bestenfalls repariert und wieder zum Funktionieren gebracht zu haben. Zumindest was den Kader angeht, kann man das so sehen, auch die Grundordnung, in der Tuchel seinen neuen BVB antreten lässt, weist mit einem 4-2-3-1 bzw. 4-1-4-1 zumindest auf dem Papier große Ähnlichkeiten zum System Klopp auf. Auch konnte man beim 4:3 Sieg gegen Odds BK in der Europa-League-Qualifikation wieder alte Schwächen aus der vergangenen Saison entdecken, als die Dortmunder innerhalb der ersten 22 Minuten mit 0:3 ins Hintertreffen gerieten. Dies war allerdings die einzige Ausnahme im bisher auf ganzer Linie funktionierenden Tuchel-Stil des BVB.

Mit Tuchels Klopp-Guardiola Hybrid-System zum Titel

Wie eine Analyse von spielverlagerung.de zeigt, hat Tuchel den Schwarz-Gelben ein ordentliches Face-Lifting verpasst. Gerade das Ballbesitzspiel wurde enorm verbessert. Unter Klopp hatten die Dortmunder zuletzt immer öfter das Problem gehabt, dass ihre größte Stärke zu ihrer Größten Schwäche wurde: Vor allem gegen tiefstehende Mannschaften, denen sie ihr Angriffs- und Gegenpressing in Verbindung mit dem schnellen Umschaltspiel eben nicht aufzwingen konnten, bekam Klopps Elf Probleme. Das Spiel durch eigene Ballbesitzphasen zu gestalten, das konnten die Dortmunder nicht oder nicht gut genug. Daran hat Tuchel intensiv gearbeitet und Elemente aus der Philosophie von Pep Guardiola eingearbeitet. Beim Meister des variablen Ballbesitzfußballs hatte Tuchel in der vergangenen Saison, als er sich sein Sabbatjahr genommen hatte, hospitiert.

Das zahlt sich nun aus – gegen allesamt tiefstehende Mannschaften wie Gladbach, Ingolstadt und die Hertha konnte die Truppe bereits eindrucksvoll zeigen, dass sie mit Tuchel den nächsten Schritt gegangen ist. Dass das Duell gegen den FC Bayern sicherlich ein völlig anderes Spiel wird, ist allerdings auch unbestritten. Hinten reinstellen, wie die bisherigen Gegner des BVB, werden sich die Münchener jedenfalls eher nicht. Auf das Gipfeltreffen in der Allianz-Arena freut sich auch Bayern-Kapitän Philipp Lahm, der zu Protokoll gab, „nicht überrascht“ von der neuen Dortmunder Spielfreude zu sein, „weil oft neue Impulse durch einen neuen Trainer kommen“. Er und sein FCB sollten sich jedenfalls besser warm anziehen, wenn sie eine Mannschaft empfangen, die die Ideen Jürgen Klopps und Pep Guardiolas in einem Spielsystem zu vereinen versucht.

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